gespaltene Persönlichkeiten

Dass bei Otis' Persönlichkeitsentwicklung irgendwas nicht ganz korrekt gelaufen ist, vermuteten wir ja schon häufiger. Er gibt sich auch alle Mühe, diesen kleinen Defekt möglichst häufig unter Beweis zu stellen: Fremde Hunde sind schon längst nicht mehr nur das Ziel seiner (Rauf-)Begierde, inzwischen mag er auch sämtliche Radfahrer, Tauben auf freien Plätzen und in Mülltonnen wühlende Menschen nicht mehr. Hinzu kommen Besen aller Art, Gießkannen und Joghurtbecher. Nicht zu vergessen die Personen, die allen Ernstes den Nerv haben, sich von der Bank, auf der sie saßen zu erheben –und das in kürzester Entfernung. Weiterhin spielende Kinder, Plastiktüten und Autos, die zu dicht an uns vorbeifahren.

Seltsamerweise gibt es dennoch Personen aus dem Freundes- und Familienkreis, die den Otti tatsächlich mögen –mitunter zähle ich mich sogar auch dazu– und ihn teilweise auch in Schutz nehmen. Und es stimmt ja auch: Bis auf gelegentliche und kleinere Mentalausfälle benimmt er sich zu Hause ganz manierlich. Die Zeiten der zerbissenen Betten und der Protestexkremente in der Küche scheinen vorbei zu sein, und schon länger habe ich ihn und Pebbles während meiner Abwesenheit nicht mehr bis zum Nordplatz heulen hören. (Ob Otti die Gespräche belauscht hat, in denen ein längerer Urlaub auf dem Dorf für ihn in Betracht gezogen wurde?)

Bei Lias von aggressiv-unflätigem Verhalten zu sprechen, ist natürlich Quatsch; der Sohn ist nach wie vor der allerbeste, den ich jemals hatte. Doch seit einigen Tagen kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass der mich ein bisschen verklapst.

Sprach ich neulich noch von absoluten Essverweigerungen (und absolut meint absolut; kein einziger Löffel wurde überhaupt jemals zum Mund geführt), scheint seit Anfang dieser Woche der Große Hunger bei Lillacks ausgebrochen zu sein. Gleich nach den Ostertagen –und man sagt ja, dass bereits die Wochenenden die Kinder durcheinander brächten, weshalb die Montage immer etwas anstrengend seien– begann der Zwerg zu essen, als hätte er an Tines Mittagstisch nie etwas anderes getan; zum Beweis bekam ich (bangen Herzens ganz in der Nähe wartend) ein Foto geschickt, denn sonst hätte ich das auch nicht geglaubt. Das Bild zeigt Lias W. V., wie er sich mittels einer Gabel eine Spirellinudel in den Mund schiebt. Mir ist klar, dass das für Eltern anderer Kinder nicht unbedingt gleich Anlass zum Feiern gäbe, doch bei uns war es genau das; und als sich das Ereignis am nächsten und übernächsten Tag tatsächlich mit Möhrenschnitzeln und Laugengebäck wiederholte, verlieh das dem Erfolgserlebnis eine Art Sicherheit, die uns daran glauben lässt, dass mit dem Sohn und seinen bizarren Essgewohnheiten doch noch alles gut werden kann. (Zumindest im Rahmen seines Tagesmutteraufenthalts. Zu Hause is(s)t er weiterhin zickig. Bin ja auch nur ich, die den Kram kocht.)

Ganz ähnlich: Die Sache mit dem Schlafen. Solange ich den Sohn kenne (sehr lange ist das noch gar nicht, aber immerhin kamen wir uns in dieser Zeit recht nahe), hat er noch nie von allein und anstandslos irgendwo geschlafen. Obwohl, das stimmt gar nicht: Als er ungefähr vier Wochen alt war, konnte man ihn in sein Bettchen legen, und da blieb er auch, und manchmal schlief er ein, ohne halb Gohlis zusammenzuschreien. das klappte, bis er etwa zweieinhalb Monate alt war. Da fiel ihm durch einen dummen Zufall auf, dass es im Elternbett viel toller ist, und seitdem war er da nicht mehr richtig rauszukriegen. Seit einiger Zeit hat er zwar ein eigenes Bett für große Jungs, aber ohne Einschlafhilfe, die sich mindestens daneben setzen und ohne Unterlass Nemo-Geschichten erzählen muss (besser ist noch in Mamas Arm gekuschelt liegen), geht es bis heute nicht.

Daher meine Befürchtungen hinsichtlich des Mittagsschlafs außer Haus. Im Prinzip kommen mir zwar die vormittäglichen drei Stunden ohne Kind schon jedes Mal wie Urlaub vor, dennoch war eigentlich geplant, den Sohn bei der Tagesmutter auch schlafen zu lassen. "Geplant" heisst: Schön wäre das schon, und irgendwie machen das andere Kinder ja auch, aber ehrlich gesagt, glaube ich da ja mal überhaupt nicht dran. Wer schon zu Hause nur unter allergrößten Schwierigkeiten zur Ruhe findet und noch nie in seinem Leben ein Gitterbett aus liegender Perspektive sah, wird wohl kaum bei relativ fremden Personen, die ihn nicht exzessiv in den Schlaf kuscheln, –tja, schlafen eben.

Und dann war das am Dienstag (der Tag nach Ostern; der Tag, an dem das Essen begann) so: Tine legt Lias ins Bett, nachdem die anderen schon in anderen Betten untergebracht worden waren. Es ist ein Reisebett, er kann also nicht allein raus. Es liegt auch keiner daneben, der ihn streichelt oder Geschichten erzählt. Tine sagt "gute Nacht, schlaf schön, Lias". Lias sagt "ja". Und schläft ein.

Ich sag doch: Der verklapst mich.

Verfasst von jenni am Freitag, dem 9. April 2010 um 12:05 Uhr.

3 Leserbriefe

juli

Re: gespaltene Persönlichkeiten

haha, wunderbarer text mit wunderbarem inhalt der mich doch ziemlich zum grinsen brachte. der kleine spinnt ja! hoffentlich tut er das auch weiterhin :)
kuss aus erfurt.

autor: juli — 2010-04-09 14:24:36
j.

Re: gespaltene Persönlichkeiten

Bin begeistert! Solange er Dich nur auf diese Weise verklappst, ist doch alles in bester Ordnung!

Liebste Grüße & bis in bäldigster Bälde!
Kuss aus RV

autor: j. — 2010-04-09 21:42:42
juBö

Re: gespaltene Persönlichkeiten

ich muss DEN typen treffen, den haarigen und den kurzen - also beide und DICH endlich auch jenni!!!!

sag mir quando, sag mir wann???

lg aus connewitz

autor: juBö — 2010-04-10 19:43:58
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