Was wirklich geschah
Wir hören ja von allen Seiten immer wieder die abstrusesten Geschichten bezüglich
den Ereignissen um Lias' Geburt. Um mit den schlimmsten Horrorgeschichten
(„Er kam auf der Autobahn auf die Welt!“ — „Achso? Ich dachte, sie hätte in
einem Helikopter entbunden?“) aufzuräumen, haben wir uns entschieden einen kleinen
chronologischen Abriss über den 16. März zu erstellen:
Vorgeschichte
Wir befinden uns in einem kleinen Dorf bei Zeulenroda in Thüringen. Dort, wo
Jennis Eltern und Großeltern unter einem Dach wohnen, haben wir die Nacht
von Samstag auf Sonntag verbracht, und wollten eigentlich am Mittag wieder
nach Hause fahren – allerdings ohne
Otis;
dieser sollte nämlich die kommende
Woche hier verbringen, damit er während der stressigen Tage nach der Geburt
nicht allein zu Hause oder im Auto sitzen muss.
Pebbles wäre zwischenzeitlich
bei Rebekka
untergekommen.
6:00
Ich werde wach und erzähle Jenni, dass ich geträumt habe,
Lias käme heute schon auf die Welt und im Traum sah er komischerweise nach der Geburt nicht so
angefressen aus, wie Babys das normalerweise tun.
[Ab hier erlaube ich mir, aus Jennis Tagebuch zu zitieren und, falls nötig, ausführlichst zu unterbrechen:]
7:30
Bin schon wach, aber noch im Bett; Otis seit ca. zwei Stunden munter und nervig. Beschließe, gleich mal mit den beiden rauszugehen, als sie von Mutti zum Joggen abgeholt werden. Rückblickend besser so.8:30
Sitze bei Oma und lasse sie nochmal Bauch fühlen; man kann sehr deutlich Kopf und Po vom Sohn betasten. Vorher lange geduscht und Haare gewaschen, weil ich schon dachte: „Wer weiß, wann ich das nächste Mal dazu komme …“ – Wenn das keine Intuition ist!9:00
Mama und Hunds sind zurück; schon an der Garagentür empfange ich sie mit der Neuigkeit, daß ich offenbar auszulaufen beginne. Schon bei Oma sitzend hatte ich das Gefühl, war mir aber nicht sicher gewesen; inzwischen besteht kein Zweifel daran, und ich gehe behutsam den Freund wecken.9:15
Man weiß ja, daß nach dem Blasensprung u.U. noch ziemlich viel Zeit sein kann und Wehen nicht automatisch auch einsetzen müssen. Wir wollten noch Kaffee trinken und dann nach Leipzig bzw. Schkeuditz fahren, aber schon kurz darauf hatte ich Wehen in 5min-Abständen, manchmal auch weniger. Und, daß es Wehen waren, daran bestand diesmal kein Zweifel!
Ich beschließe währenddessen, dass es das beste ist, ruhig zu bleiben und den anderen absolute Coolness vorzugaukeln. Fast-Oma Ulrike überspielt ihre Aufregung, in dem sie mir noch ein Frühstück zaubert und mir das Telefon bringt. Ich muss natürlich noch mehrfach zwischen Auto und Haus pendeln, bis ich es geschafft habe, die Telefonnummer der Geburtshilfestation aus meinem Handy zu fischen und rufe in der Heliosklinik an. Eine Schwester meldet sich und bestätigt, dass es problemlos möglich sei, lässig die Klamotten zusammenzupacken und dann zügig nach Leipzig zu fahren.
Drei Minuten später ruft die diensthabende Ärztin der Klinik zurück (Wow. Es hatte also doch einen Sinn, dass sie Jennis Telefonnummer vor Wochen, in einem der vielen Vorgespräche, haben wollten.) und berichtet schockiert, dass wir vielleicht doch lieber den Notarzt rufen sollten, damit dieser entscheiden kann, ob wir es tatsächlich noch nach Leipzig schaffen.
Gesagt, getan: Ich tippe also 112 in's Telefon, fasse die komplette bisherige Geschichte in einem Satz mit sehr vielen Kommata zusammen, wobei ich peinlichst genau darauf achte, auch auf alle W-Fragen die präziseste Antwort bereits mit eingebaut zu haben und werde dann von einem leicht genervten Telefonisten darauf hingewiesen, dass er nicht glaubt, dass „wir“ das entscheiden können (WER BITTE DANN, WENN KEIN NOTARZT??). Glücklicherweise lässt er sich dann doch noch dazu überreden, Krankenwagen und Notarzt loszuschicken.
9:45
Robert trinkt jetzt doch keinen Kaffee mehr, Oma ist blass und etwas aufgelöst, Mutti versucht konstruktive Hinweise zu geben: Der Notarzt ist da. Nach kurzem Smalltalk darf ich nicht mehr laufen und werde samt Tragestuhl in den Krankenwagen verfrachtet. Dieser fährt mich mit Blaulicht nach Greiz, während ich auf meiner Pritsche ziemlich herumgeschleudert werde und der Sani die Wehenabstände misst.
Kurz vor der Abfahrt stellt der Arzt fest: „Sie sind der Vater?! – Die sind immer so blass! Hihi.“ Dann erklärte er mir, ich solle vorsichtig fahren, wenn ich dem Krankenwagen dann in's Krankenhaus folge, welches ja immerhin um die 20km entfernt ist. Eine Entscheidung, ob wir überhaupt noch nach Leipzig fahren, stand für ihn eigentlich gar nicht mehr zu Debatte.
Außerdem, behaupte ich, hat er seinen Fahrer (der ebenfalls dem Krankenwagen folgte) noch angewiesen, durch äußerst ausbremsende Fahrweise dafür zu sorgen, dass ich nicht versuche, mit dem Krankenwagen mitzuhalten. Und so raste Jenni mit 80 Sachen davon und vor mir fuhr der Notarztwagen mit lässigen 40km/h vor sich hin. Die Jungs wussten ja nicht, dass es essentiell für mich war, am KW dranzubleiben, da ich keinen blassen Schimmer hatte, wo Greiz eigentlich ist.
Glücklicherweise war sowohl die Stadt selbst, als auch das Krankenhaus perfekt ausgeschildert und ich habe es auf Anhieb gefunden. Der von mir erwartete Schock über das „Dorfkrankenhaus“ blieb aus: Das Gebäude war nagelneu, die Geburtshilfestation gar erst vor knapp einem Monat eröffnet worden. Auf der Station angekommen, bittet mich die Hebamme die ganzen Anmeldeformalitäten zu erledigen, während sie Jenni beim Hecheln zuschaut. Genau, meine Frau liegt in den wehen, aber ich soll erstmal wieder runter zur Anmeldung fahren und über Krankenkassen-Mitgliedsnummern referieren … argh.
10:30
Im Kreißsaal liegend und – inzwischen echt heftige – Wehen wegatmend. Wie man das richtig mach, habe ich vergessen, ich warte einfach immer mit Augen zu, bis die Schmerzen vorbei sind. Abstände ca. zwei Minuten.Vom weiteren Verlauf weiß ich nicht mehr viel, weil ich die meiste Zeit die Augen zuhabe und daher kaum mitkriege, welche Ärzte sich mit eilig vorstellen; was mir jedoch sehr lebhaft in Erinnerung ist, ist der Vorschlag der Oberbefehlshaberin, daß man diese ganze Geburt jetzt auch spontan machen könne, weil das Kind eh schon fast da sei und für einen Kaiserschnitt kaum noch Zeit bliebe …
Oh ja, ich kann mich tatsächlich an Sätze wie „Ist heute Sectio-Sonntag, oder was?“ erinnern. Auf meinen Einwand, dass wir uns wegen Lias' unvollständiger Beckenendlage (sitzend; ein Bein nach oben, eins nach unten) aktiv für einen Kaiserschnitt entschieden und demzufolge auch nicht vorsorglich Jennis Becken mittels einer MRT ausgemessen haben und eine Spontangeburt demzufolge ein unabschätzbares Risiko bedeuten könnte, nahmen die anwesenden denn auch sofort Rücksicht und stimmten der OP zu.
Wie die teilnehmenden Ärzte, Schwestern und die Hebamme, sollte also auch ich mich für den OP vorbereiten und wurde glücklicherweise von unserem sehr freundlichen Kinderarzt an die Hand genommen, der mir Klamotten in meiner Größe besorgte und mir die Aufregung nahm, indem er mit seinem Wissen über Leipzig prahlte.
… das lehnten wir jedoch dankend ab, und so wurde ich – hopp hopp – vom Kreißsaalbett in ein anderes gehievt, mit diesem dann in den OP gerollt und dort dann wieder auf den Tisch gelegt. Zwischen zwei Wehen hämmerte mir der Anästhesist schnell die Narkose ins Kreuz, ich klappte hintenüber, bekam den Sichtschutz über die Brust gespannt und sollte sagen, ob ich meine Beine noch spüren würde. Das Problem hierbei war, daß die Zehen zwar umgehend kribbelig und dann gefühllos wurden, ich am Oberschenkel aber noch alles merkte, was die da reinpiekten.
Ich saß also neben Kopfende des OP-Tisches, auf den Jenni geschnallt(!) war und wir guckten auf einen grünen Vorhang, hinterdem die Ärzte gleich mit dem Geschnippel beginnen wollten und lauschten folgendem Gespräch zwischen der Chirurgin und dem Anästhesist, der hinter uns beiden, also an der Stirnseite des Tischs saß:
Chirurgin: „Können wir anfangen?“ — Anästhesist: „Hhhhmmmmm. Jaaaa … !? …“ — C.: „Sicher?“ — A.: „Naja, sicher kann man nie sein. Aber ja, fangen wir an!“
Voller Panik schauten wir uns gegenseitig in die Augen. Jenni konnte dann zwar etwas dumpfes fühlen, als der Schnitt gemacht wurde, aber sie hatte keine Schmerzen. Sie wollte gerade anfangen irgendetwas zu erzählen, als sie mittem im Satz von einem Gurgeln unterbrochen wurde. Wieder schauten wir uns an: War das schon unser Sohn? War das irgendein Absaugschlauch? WAS war das?
Die Hebamme trug forschen Schrittes irgendwas aus dem OP und sagte dabei noch „Ich bin gleich wieder da!“ (In mir machte sich – Gott sei Dank! unbegründete – Panik breit) und dann konnten wir endlich ein Schreien aus dem OP-Vorraum vernehmen und wenige Sekunden später kam sie auch schon wieder und präsentierte uns: Lias Werner Valentin Lillack.
Lias hatte also noch im Bauch sitzend, mit den Lungen voller Fruchtwasser, anständig geschrien und damit dieses „Gurgelgeräusch“ erzeugt. Wahrscheinlich hat sie ihn kurz ausgeschüttelt, auf den Bauch gedrückt oder sonstwas, um seine Lungen freizumachen.
Danach durfte Jenni unseren Sohn kurz auf die Stirn küssen und dann drückt ihn mir der Kinderarzt in den Arm und wir gingen um die erste Untersuchung zu machen, das Blut abzuwaschen, usw.
Also mußte Robert auch schon gleich wieder los, wer er ja baden und windeln sollte, während ich wieder zugemacht wurde. Das dauerte ziemlich lange, so daß die Jungs schon 20min am kuscheln waren, als ich zurückgerollt kam, und Mutti war auch schon da.
Lias hat tatsächlich zuerst an meiner Brust gesaugt. Mama war ja nicht da …
Wir blieben noch ziemlich lange im Kreißsaal, bevor sie mich in mein Zimmer rollten; da ich aber einerseits noch ziemlich weggetreten war und andererseits schon Schmerzen hatte, bekam ich nicht allzuviel mit bzw. habe ich das Zeitgefühl verloren.
Fakt ist jedoch: 11:27 Uhr wurde Lias geboren und brauchte somit keine drei Stunden, um auf die Welt zu kommen!

[Kurz vor der Fertigstellung dieses Artikels hat er mich natürlich noch anständig vollgepinkelt. Die Sau!]